Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Sozialrechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 8C.510/2015
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

[8frIR2ALAGK1]          
8C_510/2015 {T 0/2}     

Urteil vom 20. Oktober 2015

I. sozialrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichterin Leuzinger, Präsidentin,
Bundesrichter Ursprung, Maillard,
Gerichtsschreiber Lanz.

Verfahrensbeteiligte
A.________,
vertreten durch Rechtsanwalt Martin Suenderhauf,
Beschwerdeführerin,

gegen

AXA Versicherungen AG,
General Guisan-Strasse 40, 8400 Winterthur,
Beschwerdegegnerin.

Gegenstand
Unfallversicherung,

Beschwerde gegen den Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen
vom 21. Mai 2015.

Sachverhalt:

A. 
Die 1976 geborene A.________ war als kaufmännische Angestellte bei der Firma
B.________ AG tätig und dadurch bei der AXA Winterthur Versicherungen AG
(nachfolgend: AXA) obligatorisch gegen Unfallfolgen versichert. Am 11.
September 2002 kollidierte innerorts ein Zug der RhB in langsamer Fahrt mit dem
von ihr gelenkten und in einem Kreisel verkehrsbedingt angehaltenen
Personenwagen. Die Versicherte erlitt eine Distorsion der Halswirbelsäule
(HWS). Die AXA gewährte Heilbehandlung und richtete Taggeld aus. Mit Verfügung
vom 17. Juli 2007 und Einspracheentscheid vom 30. Januar 2008 stellte sie die
Übernahme der Heilbehandlung per 31. Juli 2007 und das Taggeld per 31. August
2007 ein und verneinte einen Anspruch auf eine Invalidenrente sowie auf eine
Integritätsentschädigung. Mit Beschwerdeentscheid vom 16. Dezember 2009 wies
das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen die Sache zu weiteren
Abklärungen an den Versicherer zurück. Dieser veranlasste daraufhin eine
MRI-Untersuchung (Bericht Dr. med. C.________, Institut für Radiologie, Spital
D.________, vom 4. Januar 2011) und holte bei der Gutachterstelle F.________
eine technische Unfallanalyse vom 4. Juni 2011 (mit Ergänzung vom 1. Februar
2012) sowie eine biomechanische Beurteilung vom 19. Juli 2011 (mit Ergänzung
vom 19. März 2012) ein. Mit Verfügung vom 22. Mai 2012 und Einspracheentscheid
vom 15. April 2013 hielt die AXA an der Verneinung eines weiteren
Leistungsanspruchs fest. Die noch geklagten Beschwerden seien nicht
unfallkausal.

B. 
Die von der Versicherten hiegegen erhobene Beschwerde wies das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen mit Entscheid vom      21. Mai 2015
ab, soweit es darauf eintrat.

C. 
A.________ führt Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten mit dem
Rechtsbegehren, in Aufhebung des Entscheids vom 21. Mai 2015, des
Einspracheentscheids vom 15. April 2013 sowie der Verfügung vom 22. Mai 2012
sei die Sache zur zusätzlichen Abklärung und zur Feststellung eines weiteren
Leistungsanspruchs an die AXA, eventuell an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Es wird kein Schriftenwechsel durchgeführt.

Erwägungen:

1. 
Die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten kann wegen
Rechtsverletzungen gemäss Art. 95 und 96 BGG erhoben werden. Das Bundesgericht
wendet das Recht von Amtes wegen an (Art. 106 Abs. 1 BGG), doch prüft es, unter
Berücksichtigung der allgemeinen Rüge- und Begründungspflicht (Art. 42 Abs. 1
und 2 BGG), nur die geltend gemachten Vorbringen, falls allfällige weitere
rechtliche Mängel nicht geradezu offensichtlich sind (BGE 138 I 274 E. 1.6 S.
280 mit Hinweisen).
Im Beschwerdeverfahren um die Zusprechung oder Verweigerung von Geldleistungen
der Militär- oder Unfallversicherung ist das Bundesgericht nicht an die
vorinstanzliche Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gebunden (Art.
97 Abs. 2 und Art. 105 Abs. 3 BGG).

2. 
Streitig und zu prüfen ist, ob aus dem Unfall vom 11. September 2002 über den
31. Juli resp. 31. August 2007 hinaus Anspruch auf Leistungen der
obligatorischen Unfallversicherung besteht.
Das kantonale Gericht hat in seinen in der Sache ergangenen Entscheiden die
Bestimmungen und Grundsätze zum Anspruch auf Leistungen der obligatorischen
Unfallversicherung, zum hiefür - nebst anderem - vorausgesetzten natürlichen
und adäquaten Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und dem eingetretenen
Schaden sowie zur Kausalitätsbeurteilung, namentlich nach der sog.
Schleudertraumapraxis, zutreffend dargelegt. Auch hat es sich zum
Untersuchungsgrundsatz, zum Anspruch auf rechtliches Gehör, zur
Beweislastverteilung und zu den Anforderungen an beweiswertige ärztliche
Berichte und Gutachten geäussert. Darauf wird verwiesen.

3. 
Die Vorinstanz ist zum Ergebnis gelangt, die noch geklagten Beschwerden seien
nicht mit einer organisch objektiven Unfallfolge zu erklären. Die
Adäquanzprüfung nach der Schleudertraumapraxis ergebe, dass der adäquate
Kausalzusammenhang der Beschwerden zum Unfall zu verneinen sei. Damit bestehe
kein weiterer Leistungsanspruch.

4. 
Die Beschwerdeführerin beschränkt sich teilweise auf eine wörtliche
Wiederholung der schon im kantonalen Verfahren vorgetragenen Argumentation,
ohne sich mit den vorinstanzlichen Erwägungen auseinanderzusetzen. Auf diese
Vorbringen ist nicht weiter einzugehen (vgl. BGE 134 II 244 E. 2.1 S. 245 f.
und E. 2.3 S. 246 f.; Urteil 8C_8/2014 vom 14. März 2014 E. 4.2).

5. 
Umstritten ist zunächst, ob eine organisch objektiv ausgewiesene Unfallfolge
vorliegt.

5.1. Der Radiologe Dr. med. E.________ stellte gemäss Bericht vom       19.
Dezember 2002 mittels MRI einen feinen dorsalen medianen peripheren Einriss des
Anulus Fibrosus C6/7 unter Ausbildung einer minimen subligamentären medianen
Diskushernie ohne neuralen Kontakt fest. Das kantonale Gericht sah sich im
Entscheid vom 16. Dezember 2009 veranlasst, weitere Abklärungen zur Kausalität
dieses Befundes anzuordnen. Gestützt auf die vom Versicherer vorgenommenen
Beweisergänzungen (MRI-Bericht Dr. med. C.________ vom 4. Januar 2011;
technische Unfallanalyse vom 4. Juni 2011 und biomechanisches Gutachten vom 19.
Juli 2011 der Gutachterstelle F.________, je mit Ergänzungen) gelangte es zum
Ergebnis, der Einriss des Anulus Fibrosus sei unfallfremd. Damit stehe der
einzige organisch nachweisbare Befund nicht in einem kausalen Zusammenhang zum
Unfall.

5.2. Die Vorinstanz hat hiebei auf die entsprechenden Rügen der
Beschwerdeführerin hin eine Verletzung des rechtlichen Gehörs mit der
Begründung verneint, eine vorgängige Anhörung zur Gutachterstelle F.________
habe sich nicht zwingend aufgedrängt. Zudem mache die Versicherte keine
Ausstandsgründe geltend und seien die Fragen an die Experten durch den
Rückweisungsentscheid des Versicherungsgerichts vorgegeben gewesen. Im Übrigen
handle es sich bei der Gutachterstelle F.________ auch um die zentrale
biomechanische Gutachterstelle für solche Abklärungen. Dass der
Beschwerdeführerin Akten vorenthalten worden oder sonstige konkrete Nachteile
erwachsen seien, die ihren Gehörsanspruch vereitelt hätten, sei weder dargetan
noch ersichtlich. Zwar habe sie sich vor Erlass der Verfügung vom 22. Mai 2012
nicht zu allen Akten äussern können, doch habe sie hiezu im Rahmen des
Einspracheverfahrens Gelegenheit erhalten. Der Einspracheentscheid sei auch
rechtsgenüglich begründet.
Was die Beschwerdeführerin gegen die vorinstanzliche Beurteilung einwendet, ist
nicht geeignet, diese als bundesrechtswidrig erscheinen zu lassen. Das gilt
auch für das Vorbringen, wonach es nebst der Gutachterstelle F.________ weitere
Gutachterstellen gebe, welche derartige Expertisen erstatteten. Festzuhalten
bleibt, dass die Versicherte sich zu den Berichten der Gutachterstelle
F.________ äussern und den Experten Ergänzungsfragen stellen konnte. Sie hat
davon Gebrauch gemacht und die Fachpersonen der Gutachterstelle F.________
nahmen schriftlich Stellung. Eine Gehörsverletzung wurde demnach zu Recht
verneint.

5.3. Das kantonale Gericht hat sodann überzeugend dargelegt, weshalb es die
Einschätzung der Experten der Gutachterstelle F.________ für verlässlich hält
und daraus die genannten Schlüsse zieht. Es hat sich dabei mit den Einwänden
der Versicherten auseinandergesetzt und schlüssig begründet, weshalb es sich
dadurch zu keiner anderen Betrachtungsweise veranlasst sieht. Das betrifft
namentlich auch den konkreten Unfallablauf und die sich daraus ergebenden
Erkenntnisse. Die Beschwerdeführerin bringt nichts vor, was diese
Beweiswürdigung in Frage stellen könnte. Insbesondere liegen keine Widersprüche
vor, welche entgegen der vorinstanzlichen Beurteilung den Beweiswert der
Unfallanalyse und der biomechanischen Beurteilung zu schmälern und einen
weiteren Abklärungsbedarf zu rechtfertigen vermöchten.

6. 
Der Einriss des Anulus Fibrosus ist nach dem Gesagten nicht unfallbedingt. Eine
anderweitige organisch objektiv ausgewiesene Unfallfolge steht nicht zur
Diskussion. Das hat nach der Rechtsprechung zur Folge, dass der adäquate
Kausalzusammenhang zwischen den noch geklagten Beschwerden und dem Unfall nicht
ohne besondere Prüfung bejaht werden kann (vgl. BGE 134 V 109 E. 2.1 S. 112).

6.1. Sowohl die Anwendbarkeit der Schleudertraumapraxis bei der
Adäquanzbeurteilung als auch die Einstufung des Unfalls vom         11.
September 2012 als mittelschwer im engeren Sinn ist nicht bestritten. Aufgrund
der geringfügigen unfallbedingten Geschwindigkeitsveränderungen, welchen die
Beschwerdeführerin gemäss der technischen Unfallanalyse ausgesetzt war, wäre
grundsätzlich auch die Einordnung im Grenzbereich zu den leichten Unfällen
vorstellbar. Das kann aber offen bleiben, da selbst bei der von der Vorinstanz
angenommenen Unfallschwere der adäquate Kausalzusammenhang zu verneinen ist.

6.2. Bei einem Unfall im engeren mittleren Bereich müssen mindestens drei der
massgeblichen Zusatzkriterien (vgl. BGE 134 V 109 E. 10.3 S. 130) in der
einfachen Form oder aber eines in besonders ausgeprägter Weise erfüllt sein,
damit der adäquate Kausalzusammenhang bejaht werden kann (SVR 2010 UV Nr. 25 S.
100, 8C_897/2009       E. 4.5).
Das kantonale Gericht hat erkannt, höchstens zwei dieser Kriterien (erhebliche
Beschwerden; erhebliche Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen)
seien erfüllt, beide jedoch nicht in besonders ausgeprägter Weise. Die
Versicherte erachtet sämtliche Kriterien als gegeben, wovon zwei (erhebliche
Beschwerden; erhebliche Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen)
in besonders ausgeprägter Weise. Im Einzelnen ergibt sich dazu Folgendes:

6.3. Das Kriterium der besonders dramatischen Begleitumstände oder besonderen
Eindrücklichkeit des Unfalls wurde zu Recht verneint. Namentlich hielt sich der
erlittene Schrecken auch aufgrund der geringen Geschwindigkeit der
heranfahrenden Bahn in Grenzen. Das Verordnen eines Halskragens genügt nicht,
um das Kriterium der ärztlichen Fehlbehandlung bejahen zu können (SVR 2009 UV
Nr. 41         S. 142, 8C_1020/2008 E. 5.6). Das Kriterium der Schwere oder
besonderen Art der erlittenen Verletzungen ist ebenfalls nicht gegeben.
Entgegen den Vorbringen der Versicherten traten die schleudertraumatypischen
Beschwerden nicht in besonders schwerer Weise auf und liegen auch keine
verlässlichen Anhaltspunkte dafür vor, dass eine besondere Kopfstellung das
Beschwerdebild beeinflusst hat (vgl. BGE 134 V 109 E. 10.2.2 S. 128). Dass
keine durchgehende Beschwerdefreiheit erreicht wurde, genügt nicht für das
Erfüllen des Kriteriums des schwierigen Heilungsverlaufs und erheblicher
Komplikationen. Es bedürfte hiezu besonderer Gründe, welche die Heilung
beeinträchtigt haben (Urteil 8C_108/2015 vom 4. August 2015 E. 4.5.3). Solche
Gründe liegen hier nicht vor. Eine fortgesetzt spezifische belastende ärztliche
Behandlung hat die Vorinstanz überzeugend verneint. Die von der
Beschwerdeführerin geltend gemachten Therapien rechtfertigen keine andere
Betrachtungsweise (vgl. SVR 2009 UV Nr. 22 S. 80; 8C_209/2008 E. 5.4). Das
Kriterium der erheblichen Beschwerden liegt (höchstens) in der einfachen Form
vor. Dass die Beschwerdeführerin nicht mehr allen früheren Freizeitaktivitäten
nachgehen kann und vermehrt Ruhe- und Erholungsphasen in Anspruch nehmen muss,
rechtfertigt kein anderes Ergebnis. Sie kann zudem gemäss ärztlicher
Einschätzung nach wie vor körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeiten zu
70% ausüben (vgl. SVR 2009 UV Nr. 18 S. 69, 8C_744/2007 E. 5.3.6). Die noch
gegebene Restarbeitsfähigkeit steht auch der Annahme entgegen, das Kriterium
der erheblichen Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen sei in
besonders ausgeprägter Weise erfüllt (Urteil 8C_411/2012 vom 27. Dezember 2012
E. 4.4). Es kann offen bleiben, ob es überhaupt in der einfachen Form gegeben
ist. Denn unabhängig davon fehlt es am adäquaten Kausalzusammenhang zwischen
den noch geklagten Beschwerden und dem Unfall.

7. 
Das kantonale Gericht hat einen weiteren Leistungsanspruch demnach zu Recht
verneint. Es hat sich da bei entgegen den diesbezüglichen Rügen auch genügend
mit den Vorbringen der Beschwerdeführerin auseinander gesetzt und in
rechtmässiger antizipierter Beweiswürdigung von weiteren Beweiserhebungen
abgesehen. Die Beschwerde ist abzuweisen.

8. 
Die Kosten des Verfahrens sind von der unterliegenden Beschwerdeführerin zu
tragen (Art. 66 Abs. 1 BGG).

 Demnach erkennt das Bundesgericht:

1. 
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2. 
Die Gerichtskosten von Fr. 800.- werden der Beschwerdeführerin auferlegt.

3. 
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Versicherungsgericht des Kantons St.
Gallen und dem Bundesamt für Gesundheit schriftlich mitgeteilt.

Luzern, 20. Oktober 2015

Im Namen der I. sozialrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Die Präsidentin: Leuzinger

Der Gerichtsschreiber: Lanz

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