Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

II. Sozialrechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 9C 192/2012
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
9C_192/2012

Urteil vom 5. Oktober 2012
II. sozialrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter U. Meyer, Präsident,
Bundesrichter Borella, Bundesrichterin Pfiffner Rauber,
Gerichtsschreiberin Keel Baumann.

Verfahrensbeteiligte
S.________, vertreten durch
AXA-ARAG Rechtsschutz AG, Rechtsdienst, Beschwerdeführerin,

gegen

IV-Stelle des Kantons Aargau,
Kyburgerstrasse 15, 5000 Aarau,
Beschwerdegegnerin.

Gegenstand
Invalidenversicherung,

Beschwerde gegen den Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons Aargau vom
5. Januar 2012.

Sachverhalt:

A.
Die 1962 geborene S.________ arbeitete zuletzt seit Mai 2007 als
Produktionsmitarbeiterin bei der Firma E.________. Am 12. Mai 2008 zog sie sich
bei einem Verkehrsunfall eine HWS-Distorsion und eine Schulterkontusion links
zu. Die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (SUVA), bei welcher sie
obligatorisch unfallversichert war, erbrachte Leistungen. Mit Verfügung vom 2.
Februar 2009 stellte sie diese ein und verneinte den Anspruch auf eine
Invalidenrente und eine Integritätsentschädigung mangels Adäquanz des
Kausalzusammenhanges.

Im Februar 2009 meldete sich die Versicherte bei der Invalidenversicherung zum
Leistungsbezug an unter Hinweis auf Kopf-, Nacken- und Schulterschmerzen sowie
"Augen-Verdunklung". Die IV-Stelle des Kantons Aargau klärte die erwerblichen
und die medizinischen Verhältnisse ab, wozu sie unter anderem die Akten des
Unfallversicherers beizog. Mit Verfügung vom 30. März 2009 verneinte sie den
Anspruch auf berufliche Massnahmen.

Nach weiteren medizinischen Abklärungen - die IV-Stelle gab zu diesem Zweck bei
der MEDAS ein interdisziplinäres Gutachten in Auftrag, welches am 8. September
2010 erstattet wurde - und Durchführung des Vorbescheidverfahrens verneinte die
IV-Stelle den Anspruch auf eine Rente (Verfügung vom 9. Mai 2011).

B.
Beschwerdeweise liess S.________ beantragen, die Verfügung sei aufzuheben. Es
seien zusätzliche medizinische Abklärungen vorzunehmen und gestützt darauf sei
der Rentenanspruch neu zu berechnen. Mit Entscheid vom 5. Januar 2012 wies das
Versicherungsgericht des Kantons Aargau die Beschwerde ab.

C.
S.________ lässt Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten führen
und das Rechtsbegehren stellen, der kantonale Entscheid sei insoweit
aufzuheben, als festzustellen sei, dass das Wartejahr erfüllt und der
Sachverhalt nicht genügend abgeklärt sei. Die Sache sei an die Vorinstanz oder
die IV-Stelle zur ergänzenden Abklärung zurückzuweisen. Gestützt darauf sei der
Rentenanspruch neu zu berechnen.

Erwägungen:

1.
Mit der Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten kann unter anderem
die Verletzung von Bundesrecht gerügt werden (Art. 95 lit. a BGG). Die
Feststellung des Sachverhalts kann nur gerügt werden, wenn sie offensichtlich
unrichtig ist oder auf einer Rechtsverletzung im Sinne von Artikel 95 beruht
und wenn die Behebung des Mangels für den Ausgang des Verfahrens entscheidend
sein kann (Art. 97 Abs. 1 BGG). Das Bundesgericht legt seinem Urteil den
Sachverhalt zugrunde, den die Vorinstanz festgestellt hat. Es kann die
Sachverhaltsfeststellung der Vorinstanz von Amtes wegen berichtigen oder
ergänzen, wenn sie offensichtlich unrichtig ist oder auf einer Rechtsverletzung
im Sinne von Artikel 95 beruht (Art. 105 Abs. 1 und 2 BGG).

2.
2.1 Die Vorinstanz stützte sich für die Beurteilung der Arbeitsunfähigkeit
(Art. 6 ATSG) auf das interdisziplinäre Gutachten der MEDAS vom 8. September
2010 (einschliesslich Ergänzung vom 16. November 2010). Danach war die
Versicherte aus somatischer Sicht (zervikozephales bzw. zervikospondylogenes
Schmerzsyndrom [ICD-10 M54.1] bei Status nach HWS-Distorsionstrauma am 12. Mai
2008, myofasziales Schmerzsyndrom bei muskulärer Dysbalance [ICD-10 M79.1] und
allgemeine Dekonditionierung sowie muskuläre Haltungsinsuffizienz) in der Zeit
vom 12. Mai bis 31. Juli 2008 vorübergehend vollständig arbeitsunfähig, während
ab 1. August 2008 wieder eine volle Arbeitsfähigkeit ohne
Leistungseinschränkung für leichte, wechselbelastende Tätigkeiten bestand. Eine
Einschränkung aus psychischer Sicht wird verneint. Aufgrund dieser Einschätzung
gelangte die Vorinstanz zum Ergebnis, dass sich die Prüfung der Rentenfrage
erübrige, weil die Beschwerdeführerin vor Ablauf des Wartejahres (Art. 28 Abs.
1 lit. b IVG), welches im Mai 2008 zu laufen begonnen habe, wieder arbeitsfähig
geworden sei. Auf weitere Untersuchungen könne verzichtet werden, da keine
neuen Erkenntnisse zu erwarten seien.

2.2 In der Beschwerde wird nichts vorgebracht, was die vorinstanzliche
Sachverhaltsfeststellung als offensichtlich unrichtig oder unvollständig
erscheinen lässt. Die Beschwerdeführerin stellt sich auf den Standpunkt, das
MEDAS-Gutachten vom 8. September 2010 (einschliesslich Ergänzung vom 16.
November 2010) sei unvollständig und nicht schlüssig und deshalb nicht
beweiskräftig. Die Vorinstanz habe den Untersuchungsgrundsatz verletzt,
insbesondere hätte sie nicht in antizipierter Beweiswürdigung auf weitere
Abklärungen verzichten dürfen. Diese Einwände sind unzutreffend, wie sich aus
dem Folgenden ergibt.
2.2.1 Entgegen den Vorbringen in der Beschwerde berücksichtigten die
MEDAS-Gutachter die Vorakten, insbesondere auch die am Spital X.________ im Mai
2008 angefertigten Röntgenbilder (vgl. rheumatologisches Teilgutachten vom 2.
August 2010) und die Berichte des Kantonsspitals Schaffhausen vom 13. und 14.
Mai 2008. Zudem übersieht die Beschwerdeführerin, dass die MEDAS-Gutachter ihr
für die vom Spital X.________ beurteilte Zeit eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit (aus somatischen Gründen) attestierten. Die Beweiskraft des
Gutachtens vermag auch nicht zu schmälern, dass in diesem zuerst von einer
Einschränkung der HWS-Beweglichkeit um 1/3-1/2 (Angabe eines
Endphasenschmerzes) und später von einer "nahezu vollständig intakten"
HWS-Beweglichkeit die Rede ist. Denn massgebend ist, dass der Beeinträchtigung
im Rahmen des Zumutbarkeitsprofils (leichte, wechselbelastende Tätigkeit, unter
Vermeidung von Tätigkeiten, die eine längerdauernde Zwangshaltung des Kopfes
benötigen) auf alle Fälle Rechnung getragen wurde. Zu Unrecht macht die
Versicherte sodann geltend, die Annahme einer vollen Einsatzfähigkeit in ihrer
bisherigen Tätigkeit sei bereits aufgrund des MEDAS-Gutachtens unzutreffend.
Denn als interdisziplinäre Schlussfolgerung hielten die Gutachter fest, dass
der Versicherten schwere und mittelschwere Tätigkeiten (welche sie nie ausgeübt
habe) nicht zumutbar seien, während für die bisherige Tätigkeit wie auch für
jede angepasste leichte Verweisungstätigkeit eine volle Arbeitsfähigkeit ohne
Leistungseinschränkung bestehe.
2.2.2 Was sodann die psychischen Beschwerden anbelangt, stützte sich die
Vorinstanz auf die fachärztlich-psychiatrische Einschätzung, wie sie sich aus
der ergänzenden Stellungnahme der MEDAS vom 16. November 2010 ergibt (vgl. dazu
auch Urteil 9C_312/2009 vom 18. September 2009 E. 4.2). Danach waren die
Gutachter aufgrund des nach der Exploration (am 6. November 2010) bestimmten
Medikamentenspiegels zum Ergebnis gelangt, das auffällige psychische Verhalten
der Versicherten sei weder Ausdruck einer psychiatrischen Krankheit noch
bedingt durch eine primär vermutete Medikamentenüberdosierung, sondern als
Aggravation und Simulation zu interpretieren. Der von der Versicherten erhobene
Vorwurf, die Vorinstanz argumentiere in diesem Zusammenhang willkürlich, geht
damit ins Leere.
2.2.3 Bei dieser Sachlage waren von weiteren medizinischen Abklärungen keine
neuen entscheidwesentlichen Erkenntnisse zu erwarten. Dass die Vorinstanz auf
weitere Beweismassnahmen verzichtet hat (antizipierte Beweiswürdigung; BGE 137
V 64 E. 5.2 S. 69; 136 I 229 E. 5.3 S. 236), verletzt kein Bundesrecht.

3.
Die Gerichtskosten werden der unterliegenden Beschwerdeführerin auferlegt (Art.
66 Abs. 1 BGG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 500.- werden der Beschwerdeführerin auferlegt.

3.
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Versicherungsgericht des Kantons Aargau
und dem Bundesamt für Sozialversicherungen schriftlich mitgeteilt.

Luzern, 5. Oktober 2012

Im Namen der II. sozialrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident: Meyer

Die Gerichtsschreiberin: Keel Baumann