Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Sozialrechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 8C.536/2008
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
8C_536/2008

Urteil vom 3. Dezember 2008
I. sozialrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Ursprung, Präsident,
Bundesrichter Lustenberger, Frésard,
Gerichtsschreiberin Schüpfer.

Parteien
P.________, Beschwerdeführerin, vertreten durch Rechtsanwalt Markus Schmid,
Lange Gasse 90, 4052 Basel,

gegen

Basler Versicherungs-Gesellschaft, Aeschengraben 21, 4051 Basel,
Beschwerdegegnerin, vertreten durch Advokat
Dr. Willy Fraefel, Pelikanweg 2, 4054 Basel.

Gegenstand
Unfallversicherung,

Beschwerde gegen den Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons Aargau vom
12. März 2008.

Sachverhalt:

A.
A.a Die 1950 geborene P.________ arbeitete bei der Firma X.________ und war
damit obligatorisch bei der Basler Versicherungs-Gesellschaft (nachfolgend:
Basler) gegen die Folgen von Unfällen und Berufskrankheiten versichert. Laut
Unfallmeldung vom 17. September 2003 klemmte sich die Versicherte am 11. Juli
2003 das rechte Handgelenk in einer sich automatisch schliessenden Türe ein.
Ein Röntgenbild vom 17. Juli 2003 zeigt gemäss Dr. med. A.________ korrekte
Stellungsverhältnisse der Handwurzelknochen sowie einen alten, kaum
dislozierten Abriss des Processus styloidus ulnae. Hinweise auf eine frische
ossäre posttraumatische Läsion fand der Arzt nicht. Dr. med. B.________,
Facharzt für Wiederherstellungschirurgie, spez. Handchirurgie FMH, stellte im
Zeugnis vom 29. September 2003 die Diagnosen eines Status nach Radiusfraktur
rechts / Quetschtrauma Handgelenk rechts vom 11. Juli 2003 und eines Verdachts
auf scapholunäre Dissoziation des rechten Handgelenks / Pseudoarthrose
Ulnastyloid Handgelenk rechts. Es kam zu starken, genau lokalisierten
Bewegungsschmerzen, weshalb Dr. med. B.________ am 3. Mai 2004 am rechten
Handgelenk ein Ganglion scapholunär und ein Pseudoarthrosefragment des
Ulnastyloid entfernte. Am 8. Juni 2004 bestand wieder eine volle
Arbeitsfähigkeit, die Behandlung wurde im Verlaufe des Monats Juli
abgeschlossen. Die Basler erbrachte Versicherungsleistungen in Form von
Heilbehandlung und Taggeldzahlungen.
A.b Am 17. Juli 2006 teilte P.________ der Basler im Sinne einer
Rückfallmeldung mit, sie befinde sich wieder in ärztlicher Behandlung. Dr. med.
C.________, Co-Chefärztin der Klinik für Hand- und periphere Nervenchirurgie am
Spital D.________, stellte die Diagnosen einer chronischen Tendovaginitis der
Extensor carpi ulnaris-Sehne am rechten Handgelenk. Eine Röntgen- und
Magnetresonanz-Arthrographie vom 21. Juli 2006 bestätigte die Diagnose einer
Tendovaginitis. Mit Verfügung vom 1. November 2006 teilte die Basler der
Versicherten mit, gestützt auf die Beurteilung ihres beratenden Arztes seien
die mit dem Rückfall gemeldeten Beschwerden nicht überwiegend wahrscheinlich
auf den Unfall vom 11. Juli 2003 zurückzuführen, weshalb sie keine weiteren
Versicherungsleistungen ausrichte. Daran hielt sie auch auf Einsprache hin fest
(Entscheid vom 2. Mai 2007).

B.
Die gegen den Einspracheentscheid erhobene Beschwerde, mit welcher auch eine
weitere ärztliche Beurteilung der Dr. med. C.________ vom 15. Januar 2007
eingereicht wurde, wies das Versicherungsgericht des Kantons Aargau mit
Entscheid vom 12. März 2008 ab.

C.
P.________ lässt Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten führen
und beantragen, in Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheides seien ihr die
gesetzlichen Leistungen auszurichten.
Die Basler schliesst auf Abweisung der Beschwerde. Das Bundesamt für Gesundheit
verzichtet auf Vernehmlassung.

D.
Mit Schreiben vom 10. November 2008 lässt P.________ unaufgefordert einen
Operationsbericht vom 23. September 2008 als weiteres Beweismittel auflegen.

Erwägungen:

1.
1.1 Die Beschwerde kann wegen Rechtsverletzung gemäss Art. 95 und Art. 96 BGG
erhoben werden. Das Bundesgericht wendet das Recht von Amtes wegen an (Art. 106
Abs. 1 BGG). Es ist somit weder an die in der Beschwerde geltend gemachten
Argumente noch an die Erwägungen der Vorinstanz gebunden; es kann eine
Beschwerde aus einem anderen als dem angerufenen Grund gutheissen und es kann
sie mit einer von der Argumentation der Vorinstanz abweichenden Begründung
abweisen (vgl. BGE 130 III 136 E. 1.4 S. 140). Das Bundesgericht prüft
grundsätzlich nur die geltend gemachten Rügen; es ist nicht gehalten, wie eine
erstinstanzliche Behörde alle sich stellenden rechtlichen Fragen zu prüfen,
wenn diese vor Bundesgericht nicht mehr vorgetragen wurden. Es kann die
Verletzung von Grundrechten und von kantonalem und interkantonalem Recht nur
insofern prüfen, als eine solche Rüge in der Beschwerde vorgebracht und
begründet worden ist (Art. 106 Abs. 2 BGG).

1.2 Im Beschwerdeverfahren um die Zusprechung oder Verweigerung von
Geldleistungen der Militär- oder Unfallversicherung ist das Bundesgericht nicht
an die vorinstanzliche Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gebunden
(Art. 97 Abs. 2 und Art. 105 Abs. 3 BGG).

2.
Strittig ist, ob die Basler für die am 17. Juli 2006 gemeldeten Beschwerden
Versicherungsleistungen zu erbringen hat. Die Versicherung bestreitet einen
natürlichen Kausalzusammenhang zwischen diesen und dem Unfall vom 11. Juli
2003. Das kantonale Gericht verneint den adäquaten Kausalzusammenhang.

Das kantonale Gericht hat die Rechtsgrundlagen der umstrittenen
Leistungspflicht des Unfallversicherers (Art. 6 Abs. 1 UVG) im Rückfall (Art.
11 UVV) und die Rechtsprechung zu dem für diese vorausgesetzten natürlichen
Kausalzusammenhang im Allgemeinen (BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181 mit Hinweisen)
sowie zur vorausgesetzten Adäquanz des Kausalzusammenhangs (BGE 125 V 456,
siehe auch 129 V 177 E. 3.3 S. 181, 127 V 102 E. 5b/bb S. 103) bei psychischen
Unfallfolgen (BGE 115 V 133), zutreffend dargelegt. Darauf wird verwiesen.
Entsprechendes gilt für die von der Judikatur entwickelten allgemeinen
Grundsätze zur freien Beweiswürdigung und zum Beweiswert eines Arztberichtes
beziehungsweise eines medizinischen Gutachtens (BGE 125 V 351 E. 3a S. 352).

3.
Prof. Dr. med. E.________, welcher am 21. Juli 2006 eine Röntgen- und
Magnetresonanz-Diagnostik durchführte, fand eine Tendovaginitis der Extensor
carpi ulnaris-Sehne bei Zustand nach Osteotomie des Processus styloideus mit
einer winzigen spornartigen Konfiguration der lateralen Osteotomiestelle an der
Ulna. Weiter berichtete er über ein iatrogenes Extravasat von Kontrastmitteln
bei leichter Überfüllung des distalen Radioulnargelenks (DRUG), wobei der
Discus triangularis und die scapho-lunato-triquetralen Bänder intakt seien. Dr.
med. C.________ kam gestützt auf diese Beurteilung und auf eine eigene
Untersuchung zum Schluss, die bei der Beschwerdeführerin erhobenen Befunde
seien auf den Unfall zurückzuführen. Unfallfremde Faktoren spielten keine
Rolle. In seiner Aktenbeurteilung vom 21. August 2006 hielt der die
Unfallversicherung beratende Dr. med. F.________, Facharzt FMH für
orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, fest, das
Datum der Verletzung, welche zur Pseudoarthrose des Processus styloideus ulnae
rechts geführt habe, lasse sich aus den Akten nicht bestimmen. Da eine
Tendovaginitis drei Jahre nach dem Unfall eigentlich abgeheilt sein sollte,
bestehe nur möglicherweise ein Kausalzusammenhang mit dem Unfallereignis.

Der Neurologe Dr. med. G.________ hält in seinem Bericht zu einer
EMG-Untersuchung vom 4. September 2006 eine Überlastung bei Status nach Unfall
und Operation am rechten Handgelenk für eine wahrscheinliche Ursache der
Insertionstendinose sämtlicher Muskelgruppen beider Arme. Schliesslich nimmt
Dr. med. C.________ mit Schreiben vom 15. Januar 2007 Stellung zu den
verschiedenen Beurteilungen und erläutert auch anhand der Röntgenbilder vom 17.
Juli 2003 ausführlich, warum sie an ihrer Beurteilung hinsichtlich der
Unfallkausalität festhält.

4.
Das kantonale Gericht erwägt, aus den vorhandenen medizinischen Unterlagen
lasse sich nicht zuverlässig beurteilen, ob ein natürlicher Kausalzusammenhang
zwischen den Beschwerden der Versicherten und dem Unfall vom 11. Juli 2003
bestehe. Dies müsste noch sorgfältiger durch weitere medizinische Akten
untermauert werden. Aufgrund der Arztberichte geht die Vorinstanz weiter davon
aus, die Beschwerden seien nicht objektivierbar und von weiteren Erhebungen
könne abgesehen werden, weil der adäquate Kausalzusammenhang in jedem Fall zu
verneinen sei.

5.
5.1 Dieser Argumentation kann nicht gefolgt werden. Dr. med. C.________ hat in
ihrem Bericht vom 27. Juli 2006 eine chronische Tendovaginitis am rechten
Handgelenk diagnostiziert, was auch mittels Magnetresonanz-Arthrographie
bildgebend bestätigt wurde. Damit bestehen organisch objektivierbare
Beschwerden, womit eine Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhanges
entfällt. Hinweise für eine zusätzliche psychische Erkrankung fehlen.
Umstritten ist einzig, ob die Tendovaginitis (Sehnenscheidenentzündung) auf
einen Unfall mit Radiusfraktur - welche die im Unfallzeitpunkt 53-jährige
Beschwerdeführerin im Kindesalter erlitten hatte - zurückzuführen ist, oder ob
diese eine Folge des versicherten Unfalls vom 11. Juli 2003 darstellt.

5.2 Zu Diskussionen Anlass gibt insbesondere die Interpretation der ersten
Röntgenbilder vom 17. Juli 2003. Laut Bericht des Dr. med. A.________ ist
darauf ein kaum dislozierter Abriss des Processus styloideus ulnae ersichtlich,
wobei dieser Arzt davon ausgeht, dass es sich um eine alte Fraktur handle.
Demgegenüber hält die Handchirurgin Dr. C.________ dafür, auf dem Röntgenbild
sei zwar auch eine alte Fraktur ersichtlich, bei der nicht dislozierten Fraktur
des Processus styloideus ulnae handle es sich aber um eine frische Fraktur. Sie
führt weiter aus, bei einer radiologischen Untersuchung sei eine frische von
einer alten Fraktur nicht immer klar zu unterscheiden. Grundlage für die
Ablehnungsverfügung der Basler bildete der Aktenbericht vom 21. August 2006 des
Dr. med. F.________. Aufgrund seiner Formulierungen ist nicht davon auszugehen,
dass er die Röntgenbilder vom 17. Juli 2003 selbst beurteilte. Vielmehr stützte
er sich auf die Interpretation des Dr. med. A.________. Die Vorinstanz stellt
auf die Beurteilung des Dr. med. F.________ ab. Sie führt an, für den
Beweiswert von Aktenbeurteilungen sei entscheidend, ob genügend Unterlagen auf
Grund anderer persönlicher Unersuchungen vorlägen, welche ein vollständiges
Bild über Anamnese, Verlauf und gegenwärtigen Status ergeben, und ob diese
Daten unbestritten seien. Ferner sei erforderlich, dass der Untersuchungsbefund
lückenlos vorliege und sich der Experte aufgrund der vorhandenen Unterlagen ein
gesamthaft lückenloses Bild machen könne. Wie dargestellt, werden diese
Voraussetzungen im Bericht vom 21. August 2006 nicht erfüllt.

5.3 Eine Auseinandersetzung mit den Ausführungen der Dr. med. C.________ vom
15. Januar 2007 fehlt. Insbesondere stützen sich die Beschwerdegegnerin und das
kantonale Gericht einzig auf die pauschale Aussage des Dr. med. F.________,
eine Tendovaginitis sollte drei Jahre nach dem Unfall "eigentlich" abgeheilt
sein. Objektivierte Tatsache ist, dass eine Tendovaginitis - auch bildgebend -
verifiziert ist. Dr. med. C.________ führt in ihrem Bericht vom 15. Januar 2007
aus, dass diese auf eine beim Unfall stattgefundene Verletzung im dorsalen
Bereich des ulnocarpalen Komplexes (sog. TFCC) zurückzuführen sein könne. Im
letztinstanzlichen Verfahren lässt die Beschwerdeführerin lite pendente den
Operationsbericht der Dr. med. C.________ vom 23. September 2008 über eine
diagnostische Handgelenksarthroskopie mit einer Verankerung des Discus am
Proscessus styloideus ulnae und Exzision einer ganglionartigen Läsion
einreichen. Inwieweit es sich dabei um unzulässige, im letztinstanzlichen
Verfahren unbeachtliche neue Tatsachenvorbringen (Art. 99 Abs. 1 BGG; ULRICH
MEYER, Basler Kommentar zum Bundesgerichtsgesetz, Basel 2008, N 6 zu Art. 99
BGG) handelt, kann offen bleiben, da, wie die Vorinstanz bereits feststellte,
die vorhandenen Unterlagen ohnehin keine zweifelsfreie Beurteilung zulassen.
Die gesamten medizinischen Akten inklusive Röntgenbilder sind im Sinne eines
Obergutachtens einem auf Handchirurgie spezialisierten Experten zu
unterbreiten, welcher sich darüber zu äussern haben wird, ob auf den 11. Juli
2003 zurückzuführende, physische Gesundheitsschädigungen vorliegen. Die Sache
ist daher zu entsprechender Aktenergänzung sowie zum Erlass einer neuen
Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.

6.
Das Verfahren ist kostenpflichtig (Art. 65 BGG). Als unterliegende Partei hat
die Beschwerdegegnerin die Gerichtskosten zu tragen (Art. 66 Abs. 1 BGG; BGE
133 V 642 E. 5). Diese hat der Beschwerdeführerin überdies eine
Parteientschädigung zu entrichten (Art. 68 Abs. 1 BGG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen, als der Entscheid des
Versicherungsgerichts des Kantons Aargau vom 12. März 2008 und der
Einspracheentscheid der Basler Versicherungs-Gesellschaft vom 2. Mai 2007
aufgehoben werden und die Sache an die Basler Versicherungs-Gesellschaft
zurückgewiesen wird, damit sie nach erfolgter Abklärung im Sinne der Erwägungen
über den Anspruch der Beschwerdeführerin auf Versicherungsleistungen neu
verfüge. Im Übrigen wird die Beschwerde abgewiesen.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 750.- werden der Beschwerdegegnerin auferlegt.

3.
Die Beschwerdegegnerin hat die Beschwerdeführerin für das bundesgerichtliche
Verfahren mit Fr. 2500.- zu entschädigen.

4.
Die Sache wird zur Neuverlegung der Parteientschädigung des vorangegangenen
Verfahrens an das Versicherungsgericht des Kantons Aargau zurückgewiesen.

5.
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Versicherungsgericht des Kantons Aargau
und dem Bundesamt für Gesundheit schriftlich mitgeteilt.

Luzern, 3. Dezember 2008

Im Namen der I. sozialrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts
Der Präsident: Die Gerichtsschreiberin:

Ursprung Schüpfer