Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

Kassationshof in Strafsachen 6A.7/2005
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6A.7/2005 /bri

Urteil vom 21. September 2005
Kassationshof

Bundesrichter Schneider, Präsident,
Bundesrichter Wiprächtiger, Zünd,
Gerichtsschreiber Briw.

X. ________,
Beschwerdeführer, vertreten durch Rechtsanwalt Matthias Brunner,

gegen

Amt für Justizvollzug des Kantons Zürich, Amtsleitung, Feldstrasse 42, 8090
Zürich,
Verwaltungsgericht des Kantons Zürich, 4. Abteilung, Postfach, 8090 Zurich.

Probeweise Entlassung aus dem Massnahmenvollzug,

Verwaltungsgerichtsbeschwerde gegen den Entscheid des Verwaltungsgerichts des
Kantons Zürich, 4. Abteilung, vom 22. Dezember 2004 (VB.2004.00371).

Sachverhalt:

A.
X. ________ (Jahrgang 1970) begann im Alter von 15 Jahren mit regelmässigem
Konsum von Haschisch. Er musste im Jahre 1988 das Gymnasium verlassen. Er
ignorierte ab jenem Zeitpunkt die Gesellschaftsnormen vollständig und beging
kleinere Straftaten.

Ab dem Jahre 1992 machte er durch verschiedene Handlungen auf seinen
krankhaften Zustand aufmerksam. In einer ersten Hospitalisation vom 13. bis
30. Juli 1992 in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich verweigerte er
jegliche medikamentöse Behandlung. Die Klinik diagnostizierte den Verdacht
auf eine paranoide Schizophrenie und eine Cannabis-Abhängigkeit. In der Folge
wurde er im Rahmen des fürsorgerischen Freiheitsentzugs mehrmals in die
Akutstationen von psychiatrischen Kliniken eingeliefert, woraus er häufig
entwich. Diesen Einweisungen lagen die verschiedensten Verhaltensweisen zu
Grunde, insbesondere Gewalttätigkeiten gegenüber Mutter und Grossmutter sowie
Belästigungen von Gästen in einem Restaurant, bedrohliches Verhalten
gegenüber einer Mitarbeiterin eines Anwalts und Belästigungen von Passanten
an verschiedenen Orten.

Am 29. Juli 1996 stellte er sich um die Mittagszeit einer Frau in einem Park
nackt in den Weg, forderte von ihr eine Zigarette und griff sie unvermittelt
an, indem er sie mit beiden Händen am Hals würgte. Sie konnte sich dem
Würgegriff entziehen und die Polizei alarmieren. Er wurde gleichentags
verhaftet und durch den Notfallpsychiater in die Psychiatrische
Universitätsklinik Zürich eingewiesen. Das von der Strafuntersuchungsbehörde
eingeholte Gutachten der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich vom 1.
Oktober 1996 stellte eine chronische paranoide Schizophrenie mit schwerer
körperlicher und psychosozialer Verwahrlosung sowie ein
Cannabis-Abhängigkeitssyndrom fest. Das Bezirksgericht Zürich stellte am 16.
April 1997 fest, dass er die vorgeworfene Gefährdung des Lebens im Zustand
einer nicht selbst verschuldeten Zurechnungsunfähigkeit begangen habe. Es
ordnete eine stationäre Massnahme im Sinne von Art. 43 Ziff. 1 Abs. 1 StGB
an. Er befand sich damals bereits in der Klinik Rheinau und ab dem 26. Juni
1997 im Massnahmenvollzug.

Die Psychiatrische Klinik Rheinau stellte bei ihm besondere Probleme im
Zusammenhang mit Cannabis-Konsum fest, weil der Drogenabusus immer wieder zu
Exacerbationen (Verschlimmerung, zeitweise Steigerung) der sensibel
reagierenden Schizophrenie führte, was deutliche Fortschritte im
Massnahmenverlauf erschwerte. Trotz des ausgeprägt und direkt negativen
Einflusses des Cannabis-Konsums auf seine Krankheit war er nicht für eine
Cannabis-Abstinenz zu gewinnen. Im Spätherbst 2000 stellte die Klinik dennoch
eine deutliche Stabilisierung fest und empfahl die probeweise Entlassung,
obwohl er bis dahin mehrmals aus der Klinik entwichen war und dabei fast
immer Cannabis konsumiert hatte. Nachdem mehrere Gesuche um bedingte
Entlassung abgewiesen worden waren, bewilligte der Sonderdienst der
Justizdirektion am 22. Juni 2001 die probeweise Entlassung. Ab dem 2. August
2001 wurde er in einem Pflegeheim untergebracht. Bereits am 19. November 2001
erklärte das Heim, dass er wegen seines Verhaltens weder in der offenen noch
in der geschlossenen Abteilung tragbar sei, worauf die probeweise Entlassung
am 6. Dezember 2001 widerrufen wurde. Nach seiner Rückkehr in die Klinik
Rheinau wurde unter anderem erkannt, dass ein geschlossener Rahmen
unverzichtbar sei, um die Einnahme der Medikamente und die Drogenabstinenz zu
gewährleisten. Wiederum entwich er mehrmals aus der Klinik. Weitere Gesuche
um probeweise Entlassung wurden mit Verfügungen vom 14. August 2003 und vom
16. Februar 2004 abgelehnt.

B.
X.________ rekurrierte gegen die Verfügung vom 16. Februar 2004. Die
Direktion der Justiz wies am 6. Juli 2004 den Rekurs ab.

Die gegen diese Entscheidung eingereichte Beschwerde vom 16. September 2004
wies das Verwaltungsgericht des Kantons Zürich, 4. Abteilung, am 22. Dezember
2004 ab, soweit es darauf eintrat.

C.
X.________ erhebt Verwaltungsgerichtsbeschwerde mit den Anträgen, den
Entscheid des Verwaltungsgerichts vom 22. Dezember 2004 aufzuheben und die
Sache zur probeweisen Entlassung im Sinne von Art. 43 Ziff. 4 Abs. 2 StGB
unter Auferlegung der sachdienlichen Weisungen und Auflagen oder eventualiter
zur weiteren Abklärung, insbesondere zur Einholung eines psychiatrischen
Gutachtens, zurückzuweisen und ihm die unentgeltliche Rechtspflege (und
Verbeiständung) zu gewähren.

Das Verwaltungsgericht des Kantons Zürich beantragt, die Beschwerde
abzuweisen, soweit darauf einzutreten sei, und verzichtet im Übrigen auf eine
Vernehmlassung. Das Amt für Justizvollzug des Kantons Zürich beantragt, die
Verwaltungsgerichtsbeschwerde abzuweisen, soweit darauf einzutreten sei.
Dabei verweist es auf eine Verfügung der Direktion der Justiz und des Innern
des Kantons Zürich vom 31. Mai 2005, mit der ein Rekurs von X.________ gegen
eine Verfügung des Amtes für Justizvollzug vom 15. Februar 2005 betreffend
eine probeweise Entlassung abgewiesen worden war. Es verweist weiter auf
einen Zwischenbericht des Psychiatriezentrums Rheinau vom 5. Juli 2005 über
Schwierigkeiten mit X.________ sowie auf einen Auftrag des Amtes für
Justizvollzug des Kantons Zürich für eine psychiatrische Begutachtung vom 5.
Juli 2005.

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:

1.
Art. 43 StGB regelt seinem Randtitel nach "Massnahmen an geistig Abnormen",
nämlich die Einweisung in eine Heil- oder Pflegeanstalt und die ambulante
Behandlung (Ziff. 1 Abs. 1) sowie die Verwahrung (Ziff. 1 Abs. 2), die nur
bei Gefährlichkeit in Betracht kommt. Die angefochtene Massnahme im Sinne von
Art. 43 Ziff. 1 Abs. 1 StGB ist durch ein Strafgericht auf der Grundlage
eines Gutachtens über den körperlichen und geistigen Zustand des
Beschwerdeführers und seine Verwahrungs-, Behandlungs- oder
Pflegebedürftigkeit (Art. 43 Ziff. 1 Abs. 3 StGB) angeordnet worden. Zu
prüfen ist eine probeweise Entlassung aus dieser Massnahme gemäss Art. 43
Ziff. 4 Abs. 2 StGB. Die Vorinstanz entscheidet kantonal letztinstanzlich im
Rahmen des bundesrechtlichen Massnahmenvollzugs. Ihr Entscheid ist daher mit
Verwaltungsgerichtsbeschwerde anfechtbar (Art. 98 lit. g OG; vgl. BGE 122 IV
8 E. 1; 121 IV 303 E. 3).

Mit Verwaltungsgerichtsbeschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht
einschliesslich Überschreitung oder Missbrauchs des Ermessens gerügt sowie
eine unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts geltend gemacht werden (Art. 104 lit. a und b OG). Nicht
überprüfen kann das Bundesgericht grundsätzlich die Angemessenheit des
angefochtenen Entscheids (Art. 104 lit. c OG). Der Begriff des Bundesrechts
umfasst auch die verfassungsmässigen Rechte und das unmittelbar anwendbare
internationale Recht (BGE 130 I 312 E. 1.2; 130 III 707 E. 3.1). Gemäss Art.
105 Abs. 2 OG ist das Bundesgericht an die Feststellung des Sachverhalts
gebunden, wenn eine richterliche Behörde als Vorinstanz den Sachverhalt nicht
offensichtlich unrichtig, unvollständig oder unter Verletzung wesentlicher
Verfahrensbestimmungen festgestellt hat.

2.
Der Beschwerdeführer macht eine Verletzung von Art. 43 Ziff. 4 Abs. 2  i.V.m.
Art. 45 Ziff. 1 StGB sowie von Art. 29 Abs. 1 und 2 BV insbesondere insofern
geltend, als die Vorinstanz seinem Antrag auf ein neues Gutachten nicht
stattgegeben habe.

Die Vorinstanz hält fest, dass das Gutachten der Psychiatrischen
Universitätsklinik Zürich vom 1. Oktober 1996 zusammen mit den
Jahresberichten der Klinik Rheinau, die ihrerseits auf fachkundiger
Beurteilung des Beschwerdeführers beruhten, eine ausreichend zuverlässige
Grundlage zur Entscheidung bilde. Demgegenüber erscheine die Forderung des
Beschwerdeführers, für das vorliegende Verfahren ein neues Gutachten
einzuholen beziehungsweise das Verfahren aus diesem Grund an die Vorinstanz
zurückzuweisen, als verfrüht. Einerseits müsse erst die Bewährung des
Beschwerdeführers unter den Vollzugslockerungen beurteilt werden, die
offenbar seit kurzem eingerichtet seien, und andererseits müsse auch die
Frage einer Persönlichkeitsstörung weiter abgeklärt werden, was die
Beobachtung über einen längeren Zeitraum als bis anhin erfordere, um
zuverlässige Schlüsse zu ziehen. Wie mit der Direktion der Justiz anzunehmen
sei, erscheine es unter diesen Umständen aber als angemessen, für die
Beurteilung dieser Entwicklung spätestens im Hinblick auf die übernächste
Jahresprüfung einen unabhängigen Gutachter beizuziehen (angefochtener
Entscheid S. 18 f.).

3.
Gemäss Art. 43 Ziff. 4 StGB beschliesst die zuständige Behörde die Aufhebung
der Massnahme, wenn ihr Grund weggefallen ist. Ist der Grund der Massnahme
nicht vollständig weggefallen, so kann die zuständige Behörde die probeweise
Entlassung aus der Anstalt oder der Behandlung und zusätzlich eine
Schutzaufsicht anordnen (Art. 43 Ziff. 4 Abs. 2 StGB). Eine entsprechende
Prüfung ist mindestens einmal jährlich vorzunehmen (Art. 45 Ziff. 1 Abs. 2
StGB). Da die probeweise Entlassung aus dem Massnahmenvollzug bereits
zulässig ist, wenn der Grund der Massnahme noch nicht vollständig weggefallen
ist, kann die Vollzugsbehörde einen Täter probeweise grundsätzlich auch
entlassen, wenn ein gewisses Risiko der weiteren Gefährdung der öffentlichen
Sicherheit verbleibt. Das Gesetz trägt damit der Schwierigkeit Rechnung, im
Einzelfall eine verlässliche Prognose zu stellen. Gefährlichkeitsprognosen
sind naturgemäss unsicher und schwierig (vgl. BGE 127 IV 1 E. 2a; Marianne
Heer, Strafgesetzbuch I, Basler Kommentar, Art. 43 N. 166 ff., 243; Carl
Christian Deutsch, Prognosegutachten bei Strafaussetzung, in: Detlef
Schläfke/Frank Hässler/Jörg Michael Fegert [Hrsg], Sexualstraftaten,
Stuttgart 2005, S. 33 ff.). Bei den behandlungsbedürftigen und -fähigen
Tätern ist der Entscheid über die probeweise Entlassung durch den Beizug von
Berichten des Vollzugspersonals und weiterer Fachleute, insbesondere
forensisch-psychiatrischer Gutachter, auf einer möglichst tragfähigen
Grundlage zu treffen. Die regelmässige Einholung eines neuen Gutachtens im
Rahmen der Jahresprüfung von Art. 45 Ziff. 1 StGB würde sich allerdings als
übertrieben erweisen (Heer, a.a.O., Art. 43 N. 224, Art. 45 N. 22). In jedem
Fall bleibt aber der Grundsatz zu beachten, dass die zuständige Behörde nach
den Umständen des Falls auf Gesuch des Betroffenen ein Gutachten eines
unabhängigen psychiatrischen Sachverständigen einholen muss (BGE 127 IV 1 E.
2d; 121 IV 1 E. 2). Allerdings muss eine Expertise aktuell sein. Das
Bundesgericht knüpft dabei nicht an das formale Kriterium eines bestimmten
Alters an. Auf ein älteres Gutachten kann abgestellt werden, wenn sich die
Verhältnisse seit dessen Erstellung nicht verändert haben. Haben jedoch
frühere Gutachten mit Ablauf der Zeit und zufolge veränderter Verhältnisse an
Aktualität eingebüsst, sind neue Abklärungen unabdingbar. So gilt es etwa zu
beachten, dass nach neuerer forensisch-psychiatrischer Lehre
Gefährlichkeitsprognosen lediglich für den Zeitraum eines Jahres zuverlässig
gestellt werden können. Therapieverläufe lassen sich häufig nicht
antizipieren (BGE 128 IV 241 E. 3.4).
3.1 Das einzige bisherige Gutachten der Psychiatrischen Universitätsklinik
Zürich vom 1. Oktober 1996 (kantonale Akten, act. 11/3) wurde vor bald neun
Jahren erstellt. Anlass bildete der erwähnte Vorfall in einem öffentlichen
Park (oben Bst. A), bei dessen Beurteilung das Bezirksgericht Zürich eine
Zurechnungsunfähigkeit annahm. Das Gutachten empfahl eine stationäre
Behandlung im Sinne von Art. 43 Ziff. 1 Abs. 1 StGB auf einer psychiatrischen
Abteilung mit erhöhtem Sicherheitsstandard (Gutachten S. 20). Hingegen
erachtete es eine Massnahme nach Art. 44 StGB nicht als zweckmässig, da die
Suchtproblematik im Gesamtkomplex der Störung eine untergeordnete Rolle
spiele und im Rahmen einer stationären Massnahme ausreichend Beachtung finde
(Gutachten S. 20 f.).

Wünschenswert wäre zwar, dass mit der Begutachtung nicht ein Experte einer
Klinik beauftragt wird, in welcher der Explorand gleichzeitig behandelt wird.
Es ist aber nicht ersichtlich und wird vom Beschwerdeführer auch nicht
behauptet, dass der Gutachter durch eine Behandlung des Beschwerdeführers
vorbefasst oder sonst auf irgendeine Weise befangen gewesen wäre. Ob das
Gutachten ungenügend dokumentiert war, wie der Beschwerdeführer behauptet
(Beschwerde S. 6; zur Dokumentierung psychiatrischer Gutachten vgl. Matthias
Brunner, Psychiatrische Gutachter agieren im rechtsfreien Raum, plädoyer
3/2005, S. 41/42; Norbert Nedopil/Volker Dittmann/Martin Kiesewetter,
Qualitätsanforderungen an psychiatrische Gutachten, ZStrR 123/2005, S. 139 -
141), kann offenbleiben, weil sich nachfolgend ergibt, dass jedenfalls ein
neues Gutachten einzuholen sein wird. Indessen kann gesagt werden, dass das
Gutachten eine hinreichende Grundlage für die Anordnung einer stationären
Behandlung im Sinne von Art. 43 Ziff. 1 Abs. 1 StGB bildete.

3.2 In der Folge erstattete die Psychiatrische Klinik Rheinau - neben
zahlreichen weiteren Eingaben - verschiedene Jahresberichte (vgl.
angefochtener Entscheid S. 12 - 17; Beschwerde S. 6 - 8). Von Interesse ist
ebenfalls ein Bericht der Klinik Sonnhalde (act. 11/123).

In den Jahresberichten 1999 bzw. 2000 (act. 11/76, 102) wurden beim
Beschwerdeführer nach Cannabis-Konsum diffus-aggressive Verhaltensweisen
festgestellt, wozu er aber sonst - auch im Rahmen psychotischer Phasen -
nicht zu neigen scheine. Wie der Beschwerdeführer zutreffend ausführt, wurden
allerdings keine konkreten aggressiven Handlungen oder Übergriffe oder
Verletzungen der physischen oder sexuellen Integrität Dritter festgestellt
(Beschwerde S. 8). Im Jahresbericht 2001, der eine bedingte Entlassung aus
der stationären Behandlung befürwortete, wurden keinerlei Hinweise auf
fremdaggressives oder deliktogenes Verhalten festgestellt (act. 11/108). Der
Jahresbericht 2002 (act. 11/135) verneinte eine Gefährdung der öffentlichen
Sicherheit bei der derzeitigen Medikation. Der Jahresbericht 2003 (act.
11/149) referierte neben den bekannten Diagnosen Schizophrenie und
Polytoxikomanie mit gegenwärtig sporadischem Cannabis-Konsum den hochgradigen
Verdacht auf eine Persönlichkeitsstörung mit dissozialen Anteilen. Der
Beschwerdeführer lehne in den apsychotischen Perioden weiterhin konsequent
die Übernahme der normativen Vorstellungen seines Lebensumfeldes ab und
versuche, diese mit mehr oder weniger Geschick zu unterlaufen. Dies gelte
besonders akzentuiert für die Normen zum Schutze des persönlichen Eigentums
und der Privatsphäre, wie der persönlichen Körpersphäre. Die Ergänzung vom 4.
Februar 2004 schliesslich (act. 11/154) befasst sich mit Entweichungen des
Beschwerdeführers nach Zürich und dem zum Teil erheblichen Cannabis-Konsum.
Zutreffend hält der Beschwerdeführer fest, dass seit nunmehr bald fünf Jahren
keine fremdgefährdenden Verhaltensweisen mehr beschrieben würden,
insbesondere auch nicht im Anschluss an die im Juni 2001 verfügte probeweise
Entlassung aus dem Massnahmenvollzug (Beschwerde S. 8). Dem Bericht der
Klinik Sonnhalde vom 27. Dezember 2001 (act. 11/123) ist zu entnehmen, dass
der Beschwerdeführer nach Drogenkonsum sehr psychotisch wirkte,
Mitbewohnerinnen und Mitbewohner bedrängt habe, was bei diesen Angst
ausgelöst habe; die ganze Abteilung habe unter seinem Verhalten nach
Drogenkonsum gelitten. Dabei stellt die Vorinstanz aber nicht in Abrede, dass
es sich "lediglich" um ein verbalaggressives Verhalten gehandelt habe
(angefochtener Entscheid S. 17).

3.3 Diese Erkenntnisse - Schizophrenie, Polytoxikomanie,
Persönlichkeitsstörung, aber keine fremdgefährdenden Verhaltensweisen -
hätten die Vorinstanz veranlassen müssen, die Auffassung der behandelnden
Psychiatrischen Klinik Rheinau, es sei keine Entlassung aus der stationären
Massnahme zu empfehlen, gutachterlich zu hinterfragen. Ein neues Gutachten
hätte die verschiedenen von der Vorinstanz getroffenen Annahmen überprüfen
können. So fragt sich etwa, ob die exhibitionistischen Tendenzen an das
Anlassdelikt "erinnern" dürfen (angefochtener Entscheid S. 14), ob also diese
Tendenzen ähnliche Straftaten wie im Jahre 1996 befürchten lassen. Ein
Gutachten müsste sich auch vertieft über den erheblichen Cannabis-Konsum des
Beschwerdeführers und mit dem damit einhergehenden Gefährdungspotential
auseinandersetzen, ferner mit der eigenständigen Persönlichkeitsstörung mit
antisozialen Zügen (angefochtener Entscheid S. 15). Ein Gutachten müsste sich
ferner darüber äussern, ob die Annahme der Vorinstanz - die
Wahrscheinlichkeit, dass Schizophrene gewalttätig oder kriminell würden,
steige mit der Ausprägung ihrer Krankheit und bei Missbrauch psychoaktiver
Substanzen - auf den Beschwerdeführer zutreffen kann (angefochtener Entscheid
S. 16). Von Interesse wäre weiter, wie dem Drogenabusus des Beschwerdeführers
begegnet werden könnte. Die Vorinstanz verkennt zwar nicht, dass es neben
erheblichen Verhaltensauffälligkeiten, Gesetzesübertretungen und
"Schwarzfahren" offenbar zu keinen schwerwiegenden Straftaten mehr gekommen
ist, gibt aber zu bedenken, dass sich die unerlaubten Abwesenheiten des
Beschwerdeführers in der Regel auf wenige Tage beschränkten und dass die
wegen Drogenkonsums eingetretenen Dekompensationen anschliessend mit der
sichergestellten Medikation unter Drogenabstinenz in der Klinik hätten
behoben werden können (angefochtener Entscheid S. 17). Zu hinterfragen wäre
die deshalb geäusserte Auffassung der Vorinstanz, es liessen sich keine
zuverlässigen Schlüsse mit Bezug auf das längerfristige Fehlen einer
Fremdgefährdung ziehen. Ein neues Gutachten wird sich daher auch zur
Gefährlichkeitsprognose zu äussern haben.

3.4 Zusammenfassend verletzt die Vorinstanz Bundesrecht, indem sie keine neue
Begutachtung anordnete und damit die Sache auf einer unzureichenden
Aktengrundlage prüfte. Die vom Beschwerdeführer beantragte probeweise
Entlassung kommt zurzeit nicht in Betracht. Vielmehr ist zunächst ein neues
Gutachten zu erstellen.

4.
Die Verwaltungsgerichtsbeschwerde ist somit gutzuheissen und der angefochtene
Entscheid ist aufzuheben. Die Sache ist im Sinne der Erwägungen zur Anordnung
einer neuen Begutachtung an das Amt für Justizvollzug des Kantons Zürich
zurückzuweisen (Art. 114 Abs. 2 OG). Dabei ist festzustellen, dass das Amt
für Justizvollzug mit dem Gutachtensauftrag vom 5. Juli 2005 dieses
Erfordernis grundsätzlich zwischenzeitlich bereits erfüllt hat (vgl.
Vernehmlassung oben Bst. C). Zudem ist die Sache zur Neufestsetzung der
kantonalen Kosten an die Vorinstanz zurückzuweisen. Für das
bundesgerichtliche Verfahren sind keine Kosten zu erheben. Der Kanton Zürich
hat den Rechtsvertreter des Beschwerdeführers für das bundesgerichtliche
Verfahren angemessen zu entschädigen.

Mit der Gutheissung der Beschwerde ist das Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege gegenstandslos geworden.

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Verwaltungsgerichtsbeschwerde wird gutgeheissen und der Entscheid des
Verwaltungsgerichts des Kantons Zürich, 4. Abteilung, vom 22. Dezember 2004
aufgehoben. Die Sache wird im Sinne der Erwägungen an das Amt für
Justizvollzug des Kantons Zürich sowie zur Neufestsetzung der kantonalen
Kosten an die Vorinstanz zurückgewiesen.

2.
Es werden keine Kosten erhoben.

3.
Der Kanton Zürich hat den Rechtsvertreter des Beschwerdeführers, Rechtsanwalt
Matthias Brunner, für das bundesgerichtliche Verfahren mit Fr. 3'000.-- zu
entschädigen.

4.
Dieses Urteil wird dem Beschwerdeführer, dem Amt für Justizvollzug des
Kantons Zürich, Amtsleitung, und dem Verwaltungsgericht des Kantons Zürich,
4. Abteilung, sowie dem Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement
schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 21. September 2005

Im Namen des Kassationshofes
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident:  Der Gerichtsschreiber: