Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Zivilabteilung 4C.3/2004
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4C.3/2004 /lma

Sitzung vom 22. Juni 2004

I. Zivilabteilung

Bundesrichter Corboz, Präsident,
Bundesrichterinnen Klett, Rottenberg Liatowitsch, Bundesrichter Favre,
Bundesrichterin Kiss,
Gerichtsschreiber Huguenin.

A. ________,
Kläger und Berufungskläger, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Max Sidler,

gegen

B.________ Versicherung,
Beklagte und Berufungsbeklagte, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Beat
Schumacher.

Strassenverkehrshaftpflicht,

Berufung gegen das Urteil des Obergerichts des Kantons Zug, Zivilrechtliche
Abteilung, vom 6. November 2003.

Sachverhalt:

A.
A.  ________, geboren am 6. April 1948, ist ausgebildeter Grafiker. Er
betreibt seit 1983 ein eigenes Werbe- und Grafikunternehmen. Am 22. Mai 1992
erlitt er einen Strassenverkehrsunfall. Ein bei der B.________ Versicherung
haftpflichtversicherter Lenker fuhr mit seinem Fahrzeug auf der Chamerstrasse
in Zug auf den von A.________ gelenkten, an einer Abzweigung stillstehenden
Personenwagen auf. Als Folge des Aufpralls erlitt A.________ ein
Halswirbelsäulen-Distortionstrauma.

B.
A. ________ klagte gegen die B.________ Versicherung vor dem Kantonsgericht
des Kantons Zug auf Ersatz für seinen unfallbedingten Erwerbsausfall in einem
unbestimmten, Fr. 100'000.-- übersteigenden Betrag nebst Zins und auf Zahlung
einer Genugtuung. Das Kantonsgericht verpflichtete die Beklagte mit Urteil
vom 2. Oktober 2002, dem Kläger Fr. 615'929.-- nebst 5 % Zins seit 2. Oktober
2002 auf Fr. 585'929.-- sowie 5 % Zins seit dem 22. Mai 1992 auf Fr.
30'000.-- zu bezahlen (Dispositivziffer 1).

Das Kantonsgericht setzte die dem Kläger verbleibende Erwerbsfähigkeit auf 50
% fest bei voller Haftung des bei der Beklagten versicherten Lenkers.
Gestützt darauf ermittelte das Kantonsgericht einen Erwerbsschaden von Fr.
804'712.40 für die Zeit von Januar 1993 bis September 2002. Davon zog es die
in diesem Zeitraum ausgerichteten IV- und UV-Leistungen in der Höhe von Fr.
393'241.40 bzw. Fr. 160'779.-- ab und addierte den Verzugszins seit dem
Unfalltag, was Fr. 315'454.-- ergab. Als künftigen Erwerbsschaden
kapitalisierte das Kantonsgericht zunächst ein Valideneinkommen von Fr.
192'000.-- und zog vom daraus resultierenden Betrag von Fr. 1'315'200.-- die
kapitalisierten UV- und IV-Leistungen ab, womit sich der künftige ungedeckte
Erwerbsausfall auf Fr. 235'575.-- belief, nebst 5 % Zins ab Urteilsdatum.
Ferner wurden dem Kläger vorprozessuale Kosten von Fr. 34'900.-- nebst 5 %
Zins seit Urteilsdatum sowie Fr. 30'000.-- als Genugtuung nebst 5 % Zins seit
dem Unfalltag zugesprochen.

C.
Auf Berufung des Klägers und Anschlussberufung der Beklagten hob das
Obergericht des Kantons Zug mit Urteil vom 6. November 2003 Dispositivziffer
1 des Urteils des Kantonsgerichts vom 2. Oktober 2002 in teilweiser
Gutheissung der Berufung des Kläger auf und verpflichtete die Beklagte zur
Zahlung von Fr. 545'445.-- nebst 5 % Zins seit 6. November 2003 auf Fr.
514'849.-- (Schaden) und Zins in gleicher Höhe vom 22. Mai 1992 bis 11. Juli
1999 auf Fr. 50'000.-- und seit dem 12. Juli 1999 auf Fr. 30'596.--
(Genugtuung). Die Anschlussberufung wurde abgewiesen.

Das Obergericht schloss sich zur Hauptsache der Entscheidbegründung des
Kantonsgerichts an. Es kam insbesondere zum Ergebnis, dass die
Erwerbsfähigkeit des Klägers wegen des Unfalls um 50 % herabgesetzt sei, und
verneinte eine Schadenminderungspflicht dahingehend, dass er die selbständige
zu Gunsten einer unselbständigen Erwerbstätigkeit aufzugeben habe. Im Übrigen
folgte das Obergericht der Berechnungsweise des Kantonsgerichts auch
insoweit, als in Abweichung von der mit Urteil vom 19. Dezember 2002 (BGE 129
III 135 E. 2.2) geänderten Rechtsprechung des Bundesgerichts mit Brutto-
statt mit Nettoeinkommensbeträgen gerechnet wurde. Eine Differenz zu den vom
Kantonsgericht errechneten Beträgen ergab sich dadurch, dass die Parteien im
kantonalen Berufungsverfahren übereinstimmend beantragt hatten, die
Positionen "Privatanteil Fahrzeug/ Spesen" und "Anteil Miete Archiv" bei der
Bestimmung des Valideneinkommens nicht zu dem vom Experten ermittelten und
als richtig anerkannten "hypothetischen Bruttoabzug/Lohn" zu addieren.

D.
Der Kläger hat das Urteil des Obergerichts mit Berufung beim Bundesgericht
angefochten. Er beantragt, die Beklagte in Aufhebung des Urteils vom 6.
November 2003 und in Gutheissung der Berufung zu verpflichten, dem Kläger Fr.
2'841'033.47 nebst 5 % Zins seit 6. November 2003 auf dem Betrag von Fr.
2'810'437.-- sowie 5 % Zins vom 22. Mai 1992 bis zum 11. Juli 1999 auf dem
Betrag von Fr. 50'000.-- und seit dem 12. Juli 1999 auf dem Betrag von Fr.
30'596.-- zu bezahlen. Eventuell sei die Beklagte zur Zahlung von Fr.
2'865'496.56 nebst 5 % Zins seit 6. November 2003 zu verpflichten.

Die Beklagte schliesst auf Abweisung der Berufung.

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:

1.
1.1  Der Kläger rügt in der Berufung, die Vorinstanz habe bei der Bestimmung
des Erwerbsschadens 1993 bis 2003 den bundesrechtlichen Grundsatz der
konkreten wirtschaftlichen Schadensberechnung verletzt. Sie habe zwar
zunächst korrekt die rechnerische Differenz zwischen dem Validen- und dem
Invalideneinkommen ermittelt, diese aber nur für jene Jahre dem
Erwerbsausfallschaden gleichgesetzt, in denen sie weniger als 50 % des
Valideneinkommens ausgemacht habe. Für die Jahre, in denen es dem Kläger
nicht gelungen sei, die Hälfte seines Valideneinkommens zu erzielen, sei ihm
indessen entsprechend seiner medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit
lediglich die Hälfte jenes Betrages, den er ohne den Unfall verdient hätte,
als Schaden angerechnet worden. Nachdem die Vorinstanz verbindlich
festgestellt habe, dass sich keine unfallfremden Umstände auf seine
Erwerbslage ausgewirkt hätten und ihm auch keine Verletzung der
Schadenminderungspflicht angelastet werde, hätte die Vorinstanz gemäss der
Rechtsprechung des Bundesgerichts zu Art. 46 OR (BGE 127 III 403)
ausschliesslich die wirtschaftlichen Folgen der fünfzig prozentigen
Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit des Klägers als Schaden berücksichtigen
dürfen.

1.2
1.2.1Der Kläger hat wegen der Körperverletzung Anspruch auf Ersatz der Kosten
sowie auf Entschädigung für die Nachteile gänzlicher oder teilweiser
Arbeitsunfähigkeit, unter Berücksichtigung der Erschwerung des
wirtschaftlichen Fortkommens (Art. 46 Abs. 1 OR; anwendbar durch Verweisung
gemäss Art. 62 Abs. 1 SVG). Als Schaden zu ersetzen sind die wirtschaftlichen
Auswirkungen der schädigenden Handlung bei der geschädigten Person, die
unfreiwillig erlittene Vermögensminderung oder der entgangene Gewinn (BGE 123
IV 145 E. 4b/bb S. 147 mit Hinweisen; Brehm, Berner Kommentar, N 69 und 70 zu
Art. 41 OR; Roberto, Schadensrecht, Basel 1997, S. 157). Schaden im
Rechtssinne ist die Differenz zwischen dem gegenwärtigen, nach dem
schädigenden Ereignis festgestellten Vermögensstand und dem Stand, den das
Vermögen ohne das schädigende Ereignis hätte (BGE 129 III 331 E. 2.1 S. 332;
127 III 73 E. 4 S. 76 je mit Hinweisen) bzw. den Einkünften, die nach dem
schädigenden Ereignis tatsächlich erzielt worden sind und jenen, die der
geschädigten Person ohne dieses Ereignis zugeflossen wären. Die Feststellung
der Entstehung und des Ausmasses eines Schadens ist tatsächlicher Natur und
daher der Überprüfung des Bundesgerichts im Berufungsverfahren entzogen.
Rechtsfrage ist dagegen, ob die Vorinstanz von zulässigen
Berechnungsgrundsätzen ausgegangen ist, wozu auch die Anwendung der konkreten
oder abstrakten Schadensberechnung zählt (BGE 127 III 403 E. 4a mit
Hinweisen).

1.2.2  Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts ist der Invaliditätsschaden
so weit wie möglich konkret zu berechnen (BGE 117 II 609 E. 9 S. 624; 113 II
345 E. 1a S. 347 mit Hinweisen). Dabei wird aus Praktikabilitätsgründen in
zwei Schritten vorgegangen, wenn der Schaden im Urteilszeitpunkt noch
andauert. Zunächst ist der bereits eingetretene Schaden konkret zu berechnen.
Massgebender dies ad quem ist der Tag des Urteils jener kantonalen Instanz,
die noch neue Tatsachen berücksichtigen kann (BGE 125 III 14 E. 2c S. 17;
Werro, Commentaire romand, N 7 und 11 zu Art. 46 OR). Als Ausgangspunkt
dienen die Einkommensverhältnisse am Unfalltag. Zu entgelten ist bei
Arbeitnehmern der entgangene Lohn, bei selbständig Erwerbenden der entgangene
Gewinn (Minderertrag oder Mehraufwand; Brehm, a.a.O., N 36 ff. zu Art. 46
OR). Hierauf erfolgt der zweite Schritt, in welchem der künftige Schaden
aufgrund einer Prognose so konkret wie möglich zu bestimmen ist (Rey,
Ausservertragliches Haftpflichtrecht, 3. Auflage, Zürich 2003, Rz. 244). Bei
beiden Berechnungsweisen bildet der Vergleich zwischen dem Validen- und dem
Invalideneinkommen der geschädigten Person den Rahmen. Bei der
Vergangenheitsberechnung ist indessen das tatsächliche Invalideneinkommen
bekannt, während dieses bei der Zukunftsberechnung unter Berücksichtigung des
abstrakten Invaliditätsgrades (medizinisch-theoretische Arbeitsfähigkeit bzw.
Arbeitsunfähigkeit) und des eventuell davon abweichenden Grades der
Erwerbsfähigkeit prognostiziert werden muss (vgl. zu Letzterem BGE 117 II 609
E. 9 S. 624). Bei beiden Berechnungsweisen wirkt sich eine allfällige
Schadenminderungspflicht der geschädigten Person dahingehend aus, dass das
Invalideneinkommen entsprechend erhöht bzw. bei tatsächlichem Fehlen von
Einkommen in der Vergangenheit ein solches aufgrund des vorgängig bestimmten
Grades der Erwerbsfähigkeit in die Schadensberechnung eingesetzt wird.

1.3  Nach dem angefochtenen Urteil war ein Wechsel des Klägers von der
Selbständigkeit zu einer Tätigkeit im Angestelltenverhältnis nicht angezeigt.
Das Obergericht führt zur Begründung dieser Feststellung aus, der Kläger
könne als Selbständigerwerbender Kompensationsstrategien anwenden (Ruhe- und
insbesondere Liegepausen, kalte Duschen etc.), die er in einem
Angestelltenverhältnis wohl kaum durchführen könnte, weshalb die tatsächliche
Situation auch vom Gutachter als ideal bezeichnet worden sei. Es sei somit
für die Prüfung der Resterwerbsfähigkeit von der vorhandenen selbständigen
Tätigkeit im Werbe- und Grafikatelier des Klägers auszugehen. Das Obergericht
stellt sodann fest, dass die Resterwerbsfähigkeit des Klägers gleich wie die
medizinisch-theoretische Arbeitsfähigkeit 50 % betrage. Es führt schliesslich
aus, dass nach der Aktenlage keine unfallfremden Umstände vorlägen, die sich
negativ auf die Erwerbslage des Klägers hätten auswirken können. Wie das
Kantonsgericht gestützt auf das Gutachten X.________ zutreffend festgestellt
habe, sei das wirtschaftliche Umfeld für diese Branche nach wie vor gut bzw.
habe sich dieses seit dem Unfall nicht zu Ungunsten des Klägers entwickelt.
Zudem bestehe kein Anlass, am Arbeitswillen des Klägers zu zweifeln, zumal
ihm im Gutachten Y.________ eine umfassende Verwertung seiner restlichen
Arbeitsfähigkeit attestiert werde. Mit dem Kantonsgericht, auf dessen
zutreffende Ausführungen verwiesen werde, sei eine Reduktion des Schadens
unter dem Titel der Schadenminderungspflicht deshalb auszuschliessen.

1.4  In der nachfolgenden Schadensberechnung für die Vergangenheit (Jahre
1993
bis 2003) stellt das Obergericht hinsichtlich des Invalideneinkommens
zunächst auf das vom Kläger tatsächlich erzielte Einkommen bzw. die seit 2000
bis 2003 erlittenen Verluste ab. Es berücksichtigt diese Zahlen jedoch nur
insoweit, als sie 50 % des Valideneinkommens nicht unterschreiten. Dieses
Vorgehen steht im Widerspruch sowohl zu den eigenen tatsächlichen
Feststellungen des Obergerichts wie auch zu den oben erörterten rechtlichen
Grundsätzen der Schadensberechnung.

In rechtlicher Hinsicht besteht ein Widerspruch, weil bei der
Schadensberechnung grundsätzlich auf das von der geschädigten Person in der
Vergangenheit tatsächlich erzielte Einkommen abzustellen ist. Eine Korrektur
im Sinne der Anrechnung eines zusätzlichen, theoretischen Einkommens kann nur
dann vorgenommen werden, wenn die Schadenminderungspflicht durch die
geschädigte Person verletzt wurde. Das Obergericht hat indessen eine solche
Pflichtverletzung des Klägers verneint und dennoch ein theoretisches
Einkommen von 50 % des Valideneinkommens in die Rechnung eingesetzt, auch
soweit dieses tatsächlich unterschritten wurde.

In tatsächlicher Hinsicht besteht ein Widerspruch, weil das Obergericht
einerseits feststellt, dass keine unfallfremden Umstände die Erwerbslage des
Klägers beeinflusst hätten, dieser aber seit dem Jahre 2000 nur noch Verluste
erlitten habe und es andererseits auf eine Resterwerbsfähigkeit des Klägers
von 50 % abstellt. Diese verschiedenen Feststellungen lassen sich nicht
miteinander in Übereinstimmung bringen. Entweder haben auch andere als
unfallbedingte Umstände auf die Erwerbsfähigkeit des Klägers eingewirkt oder
dann muss diese weniger als 50 % betragen bzw. den Kläger eine
Schadenminderungspflicht in dem Sinne treffen, dass er als unselbständig
Erwerbender ein entsprechendes Einkommen erzielen könnte. Diese Widersprüche
haften nicht nur der Schadensberechnung für die Vergangenheit, sondern auch
jener für die Zukunft an. Auch dort (angefochtenes Urteil E. 6a) geht das
Obergericht von einer Resterwerbsfähigkeit von 50 % aus, ohne dass klar
würde, wie diese Feststellung mit dem Umstand vereinbar sein soll, dass das
Einkommen des Klägers in den dem Urteilsdatum vorangehenden Jahren ohne
Einfluss unfallfremder Ursachen weniger als 50 % des Valideneinkommens
betrug.

1.5  Art. 51 Abs. 1 lit. c OG schreibt den kantonalen Gerichten namentlich
vor, in ihren Entscheiden das Ergebnis der Beweisführung festzustellen, das
heisst anzugeben, auf welche tatsächlichen Feststellungen sie bei der
rechtlichen Beurteilung des Falles abstellen. Diese Feststellungen dürfen
nicht widersprüchlich sein, ansonsten eine Überprüfung der vorinstanzlichen
Rechtsanwendung durch das Bundesgericht nicht möglich ist (BGE 119 II 478 E.
1c S. 480; 110 II 132 E. 3d S. 135). In solchen Fällen mangelhafter
Sachverhaltsfeststellung hebt das Bundesgericht den Entscheid des kantonalen
Gerichts in Anwendung von Art. 52 OG auf und weist die Sache zu neuer
Beurteilung an dieses zurück.

Im vorliegenden Fall sind die Feststellungen der Vorinstanz im erörterten
Sinne mangelhaft, soweit deren Entscheid die Berechnung des Erwerbsschadens
des Klägers betrifft. Das angefochtene Urteil ist deshalb aufzuheben und die
Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit diese erneut die für die
Bestimmung des Erwerbsschadens nötigen Feststellungen trifft und diesen
Schaden sowohl für die Vergangenheit wie für die Zukunft neu berechnet.

2.
2.1 Die Vorinstanz hat es abgelehnt, den vom Bundesgericht in BGE 125 III 312
bei 3,5 % belassenen Kapitalisierungszinsfuss wie vom Kläger beantragt auf 2
% herabzusetzen. In diesem Entscheid wurde einlässlich dargelegt, dass die
Rechtssicherheit gebietet, die langjährige Rechtsprechung namentlich im
Bereich der Schadensberechnung erst zu ändern, wenn sichere Anzeichen dafür
bestehen, dass ein Realertrag von 3,5 % auf Kapitalabfindungen in absehbarer
Zukunft nicht zu verwirklichen ist, und sich mit hinreichender Gewissheit
sagen lässt, dass der seit 1946 angewendete Kapitalisierungszinsfuss mit dem
Grundsatz des vollen Schadensausgleichs nicht vereinbart werden kann. In
Würdigung der Aussagen von Experten ging das Bundesgericht in diesem
Entscheid davon aus, dass ein realer Ertrag von 3,5 % jedenfalls seit Mitte
der achtziger Jahre im Rahmen dessen liegt, was sich mit einem angemessen
gemischten Wertschriften-Portefeuille oder mit Anteilen an einem auf eine
vorsichtige Anlagestrategie ausgerichteten Anlagefonds erzielen lässt. Das
Bundesgericht sah damals keine hinreichend sicheren Anhaltspunkte dafür, dass
sich die Ertragslage solcher Anlagen in absehbarer Zukunft nicht mehr werde
halten können.

2.2  Diese Rechtsprechung ist in der Lehre kontrovers diskutiert worden.
Kritik erwuchs ihr namentlich im Hinblick auf die Entwicklung des
BVG-Mindestzinssatzes, der vom Bundesrat für das Jahr 2003 von 4 % auf 3,25 %
und für das laufende Jahr um ein weiteres Prozent auf 2,25 % herabgesetzt
worden ist (Art. 12 der Verordnung über die berufliche Alters-,
Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge vom 18. April 1984 [SR 831.44.1;
abgekürzt BVV 2]; Beck, Senkung des Kapitalisierungszinsfusses angezeigt,
HAVE 2002, S. 391 ff.; Sidler, Kapitalisierungszinsfuss 3,5 %: Das Ende einer
Illusion, HAVE 2002, S. 388 ff.; Schaetzle, Versicherungen und Anwälte im
Clinch - Auswirkungen des allgegenwärtigen Kostendrucks, Anwaltsrevue 5/2004,
S. 174). Die Ablehnung einer Praxisänderung durch das Bundesgericht stiess
aber vor allem aus Gründen der Rechtssicherheit auch auf Zustimmung
(Fellmann/Bazzani, Kapitalisierungszinsfuss und Rechtssicherheit - ein
Diskussionsbeitrag, HAVE 2003, S. 161 ff.; Guy Chappuis, Le taux de
capitalisation en responsabilité civile ou les incertitudes de la
prévisibilité économique face à la sécurité du droit, HAVE 2003, S. 158 ff.).
2.3  Wie die Vorinstanz zutreffend hervorhebt, haben sich seit dem Entscheid
des Bundesgerichts vom 11. Mai 1999 zwar Einbrüche auf den Finanzmärkten
ereignet. Im Jahre 2003 zeichnete sich jedoch wieder eine Erholung ab.
Aufgrund der Entwicklung in der seit dem Leitentscheid vergangenen relativ
kurzen Zeitspanne lässt sich jedenfalls nicht zuverlässig prognostizieren,
dass ein realer Ertrag von 3,5 % auf längere Dauer nicht mehr erzielt werden
kann. An den juristischen Überlegungen, die für das Bundesgericht letztlich
den Ausschlag gaben (vgl. E. 5 b und E. 7 von BGE 125 III 312), vermag im
Übrigen die Herabsetzung des BVG-Mindestzinssatzes nichts zu ändern. Dieser
Zinssatz wird gemäss Art. 12a BVV 2 mindestens alle zwei Jahre überprüft und
wenn nötig vom Bundesrat angepasst. Eine solche Flexibilisierung ist im
Bereich der Schadensberechnung wegen der erforderlichen Rechtssicherheit
nicht möglich (BGE 125 III 312 E. 4b; Fellmann/Bazzani, a.a.O., S. 164). Zu
berücksichtigen ist sodann, dass die Forderung nach Herabsetzung des
Kapitalisierungszinsfusses vorwiegend wegen Einbussen erhoben wurde, die
jüngere Geschädigte erleiden können. Der Kläger war jedoch im Zeitpunkt, auf
den das Obergericht für die Kapitalisierung abgestellt hat, bereits über 55
Jahre alt. Auch unter diesem Gesichtspunkt drängt sich nicht auf, im
vorliegenden Fall eine Praxisänderung in Erwägung zu ziehen. Hinzu kommt
schliesslich, dass es dem Kläger freigestanden hätte, auf Ausrichtung einer
indexierten Rente zu klagen, wenn für ihn im Vordergrund geständen hätte,
seinen Lebensunterhalt langfristig zu gewährleisten (BGE 125 III 312 E. 6c).
Er hat es in Kenntnis dieser Möglichkeit und der damit verbundenen Vorteile
vorgezogen, eine Kapitalabfindung zu verlangen. Es besteht daher kein Anlass,
auf die allgemein gehaltene Kritik des Klägers an der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung näher einzugehen und auf den Grundsatzentscheid
zurückzukommen, der erst vor relativ kurzer Zeit ergangen ist.

3.
Der Kläger hat die von der Vorinstanz als angemessen erachtete Genugtuung von
insgesamt Fr. 50'000.-- unter Anrechnung der bereits ausgerichteten
Integritätsentschädigung von Fr. 19'404.-- der Höhe nach unangefochten
gelassen. Er beanstandet lediglich in seinem Eventualantrag den dafür von der
Vorinstanz angeordneten Zinslauf. Er möchte analog dem beim Ersatz für den
materiellen Schaden geschuldeten Zins die Addierung des für die Genugtuung
geschuldeten Zinses von 5 % vom Unfall- bis Urteilstag und danach die
Verzinsung zu 5 % des Gesamtbetrages erreichen. Dem angefochtenen Urteil ist
indessen nicht zu entnehmen, dass der Kläger ein solches Begehren bereits vor
der Vorinstanz gestellt hat. Er legt denn auch nicht dar, diese Art der
Verzinsung der Genugtuung vor Vorinstanz prozesskonform beantragt zu haben.
Damit ist davon auszugehen, dass es sich um ein neues und deshalb gemäss Art.
55 Abs. 1 lit. c OG unzulässiges Rechtsbegehren handelt, auf das nicht
eingetreten werden kann.

4.
Aus diesen Gründen ist die Berufung teilweise gutzuheissen, das angefochtene
Urteil aufzuheben und die Sache zur Neuberechnung des Erwerbsschadens im
Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen.

Da keine der Parteien vor Bundesgericht vollständig obsiegt und der Ausgang
des Prozesses in materieller Hinsicht ungewiss ist, rechtfertigt sich, die
Gerichtskosten den Parteien zu gleichen Teilen aufzuerlegen und die
Parteientschädigungen wettzuschlagen (Art. 156 Abs. 3 und Art. 159 Abs. 3
OG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Berufung wird teilweise gutgeheissen, das Urteil des Obergerichts des
Kantons Zug vom 6. November 2003 wird aufgehoben und die Sache wird zur
Neuberechnung des Erwerbsschadens im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz
zurückgewiesen.

2.
Die Gerichtsgebühr von Fr. 12'000.-- wird den Parteien je zur Hälfte
auferlegt.

3.
Die Parteientschädigungen werden wettgeschlagen.

4.
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Obergericht des Kantons Zug,
Zivilrechtliche Abteilung, schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 22. Juni 2004

Im Namen der I. Zivilabteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident:  Der Gerichtsschreiber: